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EU-Gasimportzoll im Duopol: ein Beitrag zur Debatte über Energiesanktionen gegen Russland

Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung 3 / 2022, S. 45-62

Werner Roeger, Paul J. J. Welfens

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Abstract

Der russisch-ukrainische Krieg hat eine lebhafte Debatte über die angemessenen sanktionspolitischen Möglichkeiten Deutschlands bzw. der Europäischen Union ausgelöst: Idealerweise sollten Sanktionen Russland erhebliche wirtschaftliche Kosten auferlegen und dazu beitragen, die Fähigkeit und Bereitschaft der russischen Regierung zur Fortsetzung ihrer militärischen Aggression gegen die Ukraine zu verringern. Es werden zwei Optionen diskutiert, nämlich ein Embargo auf russische Exporte fossiler Brennstoffe und ein Importzoll. Wenn die europäischen Entscheidungsträger die Option eines Gasimportzolls auf russische Exporte in Betracht ziehen wollen, müssen bei der Abwägung der Vor- und Nachteile einer solchen politischen Option die folgenden Punkte berücksichtigt werden: Erstens die Auswirkungen auf Russland – insbesondere die Auswirkungen auf die russischen Haushaltseinnahmen – und auf Gazprom als den weitgehend in Staatsbesitz befindlichen dominierenden Gasexporteur. Zweitens muss sich die Analyse auf die Auswirkungen auf die Verbraucher von importiertem Erdgas in der Europäischen Union konzentrieren. Die Befürworter eines Importzolls berufen sich auf die Theorie der optimalen Zölle und argumentieren, dass eine solche Politik die Last in erster Linie auf die Exporteure fossiler Brennstoffe verlagern würde, da die Zolleinnahmen dem EU-Haushalt zufließen. Es gibt klare Argumente dafür, dass eine Duopol-Marktstrukturanalyse nützlich ist, um die wichtigsten Auswirkungen eines EU-Importzolls abzuleiten, da ein solcher Ansatz die Berücksichtigung von Mitnahmeeffekten für Wettbewerber, die Berücksichtigung von Kostenunterschieden zwischen Anbietern und die Möglichkeit von Veränderungen der Marktführerschaft erlaubt. Wir betrachten die Auswirkungen von aufkommensmaximierenden Zöllen sowohl für den Fall, dass Gazprom seine Marktführerschaft behält, als auch für den Fall, dass es sie verliert. Der zollmaximierende Zoll würde den Marktanteil von Gazprom erheblich verringern, und Gazprom würde die Gaspreise nur teilweise erhöhen, nämlich um 50 Prozent des Zolls, wenn die Marktführerschaft erhalten bleibt, und um etwa 25 Prozent, wenn die Marktführerschaft verloren geht. Allerdings würden auch die Wettbewerber ihre Preisaufschläge erhöhen, und zwar noch stärker, wenn sie Marktführer werden. Die Preisaufschläge und der Rückgang des Marktanteils von Gazprom machen es im Vergleich zum (analytischen) Monopolfall schwieriger, ausreichende Zolleinnahmen von Gazprom zu erzielen, um die Verbraucher in der EU zu entschädigen – das sollte seitens der EU-Länder bei der Auswahl alternativer Sanktionsstrategien bedacht werden.

The Russo-Ukrainian war has triggered a debate about the adequate sanctioning policy options available to Germany and the European Union, respectively: Ideally, sanctions should impose considerable economic costs on Russia and contribute to a reduction of the Russian government’s ability and willingness to continue its military aggression against Ukraine. Two options are discussed, namely an embargo on Russian exports of fossil fuels and an import tariff. If European policymakers want to consider the option of a gas import tariff on Russian exports, the pros and cons of such a policy option clearly have to take the following into consideration: Firstly, the impact on Russia – in particular the effects on Russia’s budget revenue – and Gazprom as the largely state-owned dominant gas exporter. Secondly, the analysis has to focus on the effects on consumers of imported natural gas in the European Union. Proponents of an import tariff allude to optimal tariff theory and argue that such a policy would shift the burden primarily towards the exporters of fossil fuels, because of tariff revenues accruing to EU households. To understand the price and quantity effects of an EU gas import embargo vis-à-vis Russia, an adequate theoretical framework is required: While one might consider a monopoly framework – with Gazprom as the only supplier in the EU – there are good arguments that a duopoly (or oligopoly) market structure analysis is more useful to derive the key effects of an EU import tariff since such an approach allows to take into account windfall gains for competitors, the consideration of cost differentials between suppliers and the possibility of changes in market leadership. We consider the effect of revenue maximizing tariffs for both the case in which Gazprom retains and loses its market leadership position. The tariff maximizing tariff would significantly reduce the market share of Gazprom and Gazprom would only partially increase gas prices, namely by 50% of the tariff if leadership is maintained and by about 25% if leadership is lost. However competitors would also increase their price mark-ups, with a stronger increase if competitors become market leaders. The increase of price mark-ups and the decline of the market share of Gazprom make it more difficult to raise sufficient tariff revenues from Gazprom in order to compensate EU consumers, compared to the monopoly case.



JEL-Classification: F50;F51;N44;Q48
Keywords: Energy import embargo, EU, Russia, gas market, duopoly
DOI:
https://doi.org/10.3790/vjh.91.3.45

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