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Natürlich wirkt sich auch die derzeit hohe Inflation auf die TafelbesucherInnen aus: Interview

DIW Wochenbericht 39 / 2022, S. 506

Markus M. Grabka, Erich Wittenberg

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Herr Grabka, 1993 nahm in Berlin die erste Tafel Deutschlands ihren Betrieb auf und verteilte Lebensmittel an Bedürftige. Seitdem ist das Tafelsystem enorm gewachsen. Wie viele Menschen in Deutschland erhalten ihr Essen Ihren Daten zufolge von einer Tafel? Im ersten Halbjahr 2020 haben wir in unserer Studie gefragt, ob in den letzten zwölf Monaten mindestens eine Person im Haushalt eine Tafel in Anspruch genommen hat. Das Ergebnis ist, dass im gesamten Vorjahr etwa 1,1 Millionen Menschen bei einer Tafel waren.

Wie setzt sich die Gruppe dieser Menschen zusammen? Wir beobachten, dass Frauen etwas häufiger eine Tafel besuchen. Auch mittlere Altersgruppen und Kinder profitieren von Tafeln, erwartungsgemäß natürlich auch Haushalte mit niedrigem Haushaltseinkommen, das sind oft Alleinerziehende oder auch getrenntlebende oder geschiedene Personen.

Welche Bevölkerungsgruppe nimmt die Tafel am häufigsten in Anspruch? Gemessen an der Gesamtbevölkerung ist die Inanspruchnahmequote unter den Alleinerziehenden mit einer Quote von 4,1 Prozent am höchsten.

Wie groß ist der Zusammenhang zwischen dem Armutsrisiko und der Nutzung einer Tafel? Erwartungsgemäß haben die TafelnutzerInnen ein niedriges Haushaltsnettoeinkommen. 70 Prozent dieser Menschen fallen unter das Armutsrisiko. Nichtsdestotrotz gibt es einen kleineren Anteil von Menschen, die durchaus über etwas mehr Geld verfügen. Dies erklärt sich auch daraus, dass die Tafeln die Weitergabe von Lebensmitteln nicht ausschließlich am Grundsicherungsbezug festmachen.

Warum werden Personen oberhalb der Armutsrisikoschwelle an den Tafeln überhaupt bedient? Hierfür gibt es unterschiedliche Erklärungen. Natürlich wirkt sich auch die derzeit hohe Inflation auf die TafelbesucherInnen aus. Beispielsweise müssen aktuell hohe Vorauszahlungen an die Energieversorgungsunternehmen geleistet werden. Manche Haushalte sind zumindest kurzfristig nicht in der Lage, solche höheren Geldbeträge zu bezahlen und sehen sich dann genötigt, auch mit einem nicht ganz geringen Einkommen kurzfristig die Tafeln in Anspruch zu nehmen.

Wie groß ist der Anteil des Einkommens, den die TafelbesucherInnen für Lebensmittel ausgeben? Aus unserer Befragung geht hervor, dass etwa 18 Prozent des laufenden Haushaltsnettoeinkommens für Lebensmittel ausgegeben werden. Das ist nahezu doppelt so viel wie bei der restlichen Bevölkerung.

Die allgemeinen Preissteigerungen sind enorm. Wie stark ist das Tafelsystem dadurch belastet? Die Tafeln berichten, dass sie nicht mehr vollständig in der Lage sind, alle Personen, die dort anfragen, mit Lebensmitteln zu versorgen. Das hat auf der einen Seite damit zu tun, dass es scheinbar doch mehr Personen gibt, die Tafeln aufsuchen, insbesondere auch viele Geflüchtete, zum Beispiel aus der Ukraine. Andererseits legen aber auch die Lebensmittelgeschäfte ein anderes Logistikverhalten an den Tag, um weniger Lebensmittel zu verschwenden, die sonst an die Tafeln gegangen wären.

Was kann der Staat tun, um die Situation dieser Bedürftigen in Zukunft zu verbessern? Es ist ausgesprochen erfreulich zu bewerten, dass die Bundesregierung plant, mit der Reform des Bürgergeldgesetzes die finanzielle Ausstattung von GrundsicherungsbezieherInnen deutlich zu verbessern. Durch dieses Reformgesetz sollen auch neue und bessere Wege in die Erwerbstätigkeit geebnet werden, was natürlich vor allen Dingen die Ursachen für den Besuch einer Tafel in Angriff nimmt, damit diese Menschen mittel- und langfristig aus ihrer prekären finanziellen Situation herausgeführt werden können.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

O-Ton von Markus M. Grabka
Natürlich wirkt sich auch die derzeit hohe Inflation auf die Tafelbesucher*innen aus - Interview mit Markus M. Grabka

Markus M. Grabka

Direktorium SOEP und kommissarische Bereichsleitung Wissenstransfer in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel

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