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Fünfte Welle der IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten: Entwicklung der Deutschkenntnisse, Sorgen und Lebenszufriedenheit bei Geflüchteten während des ersten Covid-19-Pandemiejahres

Diskussionspapiere extern

Wenke Niehues

Nürnberg: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), 2022,
(BAMF-Kurzanalyse 2|2022)

Abstract

In dieser Kurzanalyse wurde anhand der IAB-SOEP-BAMF-Befragung von Geflüchteten untersucht, wie sich die Deutschkenntnisse, die Sorgen und die allgemeine Lebenszufriedenheit von 2016 bis 2020 entwickelt haben. Hierbei wurden Veränderungen von 2019 auf 2020, also während des ersten Jahres der Covid-19-Pandemie, besonders berücksichtigt. Prinzipiell nahmen die Deutschkenntnisse bei Geflüchteten von Jahr zu Jahr zu. 2020 gaben erstmals mehr als die Hälfte der befragten Geflüchteten (52 Prozent) an, dass sie über „gute“ bis „sehr gute“ Deutschkenntnisse verfügen. Gemessen am Mittelwert sind die Zuwächse in Deutschkenntnissen von 2016 bis 2018 – also relativ kurz nach Ankunft in Deutschland - stärker ausgeprägt und beginnen ab dem Jahr 2018 abzuflachen. Dies führt dazu, dass der Zuwachs an Deutschkenntnissen von 2019 auf 2020 statistisch nicht mehr signifikant ist, so dass sich die Deutschkenntnisse im Mittel nicht verändert haben. Das Abflachen der Lernkurve über die Zeit kann mehrere Gründe haben. Es liegt die Vermutung nahe, dass sich während der Pandemie aufgrund von unter- oder abgebrochenen Sprachkursen, der Umstellung auf digitalen Unterricht, Kontaktbeschränkungen oder Arbeitsplatzverlust die weitere Verbesserung der Deutschkenntnisse bei Geflüchteten verlangsamt hat. Ebenfalls ist möglich, dass mit längerem Aufenthalt und fortgeschrittenen Deutschkenntnissen die Lernkurve bei Geflüchteten – im Einklang mit früheren Forschungsergebnissen zum Zweitspracherwerb – bereits abgeflacht ist. Daten der zukünftigen Befragungswellen der IAB-BAMF-SOEP Befragung von Geflüchteten werden mehr Aufschluss darüber geben können, ob die verlangsamte Zunahme an Deutschkenntnissen primär ein Pandemieeffekt oder von dauerhafter Natur ist. Wie bereits in früheren Analysen existieren auch 2020 Unterschiede in den selbsteingeschätzten Deutschkenntnissen zwischen Teilgruppen (Niehues et al. 2021; de Paiva Lareiro et al. 2020). So berichteten auch 2020 vor allem Frauen mit kleinen Kindern, ältere und niedriger gebildete Geflüchtete geringere Deutschkenntnisse. Mit den Daten aus dem Jahr 2020 wurde zudem erstmals gezeigt, dass einem zügigen Integrationskursbeginn und -abschluss nach Ankunft in Deutschland für den Erwerb von Deutschkenntnisse eine bedeutsame Rolle zukommt. Hinsichtlich der Bleibeperspektive, der eigenen wirtschaftlichen Situation und Gesundheit machten sich viele Geflüchtete mit einem zuerkannten Schutzstatus vor allem kürzer nach Ankunft in Deutschland, also von 2016 bis 2018, „große Sorgen“. Von 2018 auf 2019 nahmen diese starken Sorgen parallel zu einem längeren und verfestigten Aufenthalt jedoch ab. Ein ähnlicher Trend ist interessanterweise auch bei Geflüchteten mit offenem Verfahren festzustellen. Anders gestaltete sich dies bei Geflüchteten mit einer Duldung. Bei diesen blieb der Anteil an stark Besorgten über die Jahre von 2016 bis 2019 weitestgehend unverändert auf vergleichsweise hohem Niveau. Im Verlauf der Covid-19-Pandemie wäre zu erwarten gewesen, dass der Anteil an stark besorgten Geflüchteten von 2019 auf 2020 zunimmt. Diese Zunahme blieb jedoch – bis auf eine Ausnahme bei geduldeten Geflüchteten in Bezug auf ihre Gesundheit - aus und der Anteil an stark besorgten Befragten blieb unabhängig vom Aufenthaltsstaus stabil. Dies legt die Vermutung nahe, dass während der Covid-19-Pandemie die Abnahme an „großen Sorgen“ bei anerkannten Geflüchteten verlangsamt wurde. Ähnliches scheint für Geflüchtete mit offenem Verfahren zu gelten. Lediglich bei der besonders vulnerablen Gruppe der geduldeten Personen ging die Covid-19-Pandemie mit Zuwächsen bei gesundheitlichen Sorgen einher. Veränderte sich die Lebenszufriedenheit von Geflüchteten im Schnitt von 2016 bis 2019 nicht, nahm sie von 2019 auf 2020 im Mittel signifikant zu. Dieser Anstieg im Verlauf des ersten Covid-19-Pandemiejahres ist überraschend und könnte darauf hindeuten, dass Geflüchtete die ersten Auswirkungen der Pandemie – zumindest zum Teil – relativ gut verarbeiten konnten. Zu beachten ist jedoch, dass die Lebenszufriedenheit von 2019 auf 2020 nicht bei allen Geflüchteten gleichermaßen zunahm. So zeigt der intraindividuelle Vergleich, dass 2020 27 Prozent der Befragten zufriedener, 56 Prozent ähnlich zufrieden und 17 Prozent der Befragten weniger zufrieden mit ihrem Leben als im Vorjahr waren. Erste Analysen, um zu untersuchen, welche Faktoren in Zusammenhang mit diesen Veränderungen stehen, verweisen auf die Bedeutung des Gesundheitszustandes, des Erwerbsstatus, der Sprachkenntnisse, der Familiensituation sowie des Aufenthaltsstatus. Vertiefende Analysen, auch anhand zukünftiger Daten, sind notwendig, um die Gründe für die Veränderungen bei den Lebenszufriedenheiten von Geflüchteten besser zu verstehen. Insgesamt zeigen die Analysen zur Entwicklung der Deutschkenntnisse, den Sorgen und der Lebenszufriedenheit der Geflüchteten aus dem Jahr 2020, dass Geflüchtete die erste Phase der Covid-19-Pandemie relativ gut bewältigt haben (siehe auch Entringer et al. 2021). Zwar stagnieren oder flachen sich die positiven Entwicklungen der Vorjahre teils deutlich ab, jedoch sind keine Abnahmen bei den Deutschkenntnissen oder nur vereinzelt Zunahmen bei den „großen Sorgen“ zu verzeichnen. Bei der Lebenszufriedenheit zeigt sich im Mittel sogar ein Zuwachs. Daten aus zukünftigen Befragungswellen der IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten werden zeigen können, ob sich diese Entwicklungen im weiteren Pandemieverlauf auch bei Geflüchteten – ähnlich wie es schon für Menschen ohne Migrationshintergrund bekannt ist – nicht doch noch verschlechtert haben bzw. werden, so dass eine intensivere Unterstützung notwendig ist.

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